Pioniergeist, der provoziert

Am 5. Mai wird Clara Fey, Gründerin der Schwestern vom armen Kinde Jesus, in Aachen selig gesprochen

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Kind Nachricht
Di 6. Feb 2018
Ein historisches Ereignis steht dem Bistum Aachen am 5. Mai 2018 bevor: Clara Fey wird in der Bischofsstadt selig gesprochen. Damit vollendet sich ein Verfahren, das vor 80 Jahren angebahnt wurde.
Schwester Henriette (c) Thomas Hohenschue
Schwester Henriette

Über das Lebens- und Glaubenszeugnis der couragierten Aachenerin spricht die KirchenZeitung mit Schwester Henriette Mensen PIJ und Weihbischof Johannes Bündgens.

 

Liebe Sr. Henriette, mit welchen Gefühlen sehen Sie als Generaloberin der Schwestern vom armen Kinde Jesus dem Ereignis im Mai entgegen?

Henriette Mensen  Wir alle sind von großer Freude und Dankbarkeit erfüllt. Dass die Gründerin unseres Ordens selig gesprochen wird, stellt posthum den Höhepunkt eines Lebens dar, das ganz in den Dienst gestellt war – in erster Linie in den Dienst Gottes und in der Folge in den Dienst an armen Kindern. Wir sind Gott und der Kirche dankbar, dass ihr Einsatz nach so langer Zeit gewürdigt wird. Und wir verbinden damit den Auftrag, dem Vorbild unserer Stifterin weiter zu folgen, in ihrem Dienst und ihrer Spiritualität. Das Ereignis spornt uns an, uns noch einmal tiefer mit dem geistlichen Erbe von Clara Fey zu beschäftigen und es auch heute und in Zukunft wirken zu lassen.

 

Lieber Herr Weihbischof, wie bewerten Sie die anstehende Seligsprechung?

Johannes Bündgens  Es geht ein Verfahren zu Ende, das im Nachbarbistum Roermond begonnen hat. Dorthin waren die Schwestern ja wie viele andere Ordensgemeinschaften im Zuge des Kulturkampfes geflüchtet. Clara Fey ist dort auch gestorben, nach rund 50-jährigem Wirken. 2012 kehrte das Mutterhaus der Kongregation nach Aachen zurück und mit ihm die Stifterin. Clara Fey wurde vorläufig im Dom bestattet, im Mai findet ihr Grab einen neuen, festen Ort. Bischof Heinrich Mussinghoff übernahm 2012 das Seligsprechungsverfahren, ich habe es im Fortgang vonseiten der Diözese betreut. Es schließt sich am 5. Mai der Kreis eines Lebens, das tugendhaft und vorbildlich war, von Zeichen des Himmels, einem Wunder, begleitet.

 

Auch andere Menschen aus Aachen erfahren diese Aufmerksamkeit und Würdigung. Wie erklären Sie sich das?

Johannes Bündgens  In der Tat könnte man meinen, Heiligkeit sei ansteckend. Franziska Schervier ist 1974 selig gesprochen worden, das Heiligsprechungsverfahren läuft seit 2008. Auch Pauline von Mallinckrodt, die zwischendurch in Aachen lebte, ist selig gesprochen worden. Das war 1985. Das entsprechende Verfahren für Heinrich Hahn ist im vollen Gange. Und nun Clara Fey. Was diese vier verbindet, ist das katholische Milieu, das Aachen geprägt hat. Inmitten eines Landes, das zunehmend säkularisiert wurde, erst unter dem Einfluss der Franzosen, später dann durch die Preußen, behielten die Aachener immer ihren eigenen, katholischen Kopf. Und alle drei Frauen und diesen Mann verbindet, dass sie auf die Zeichen der Zeit reagiert haben. Sie haben je auf ihre eigene Weise Initiative ergriffen und Pionierarbeit geleistet.

 

Wie sah das konkret bei Clara Fey aus?

Johannes Bündgens  Clara Fey entspringt dem bürgerlichen Milieu. Frauen standen dort zu jener Zeit im Wesentlichen zwei Lebenswege offen. Der erste war, eine gute Partie zu machen und in eine wohlhabende Familie einzuheiraten. Der zweite war, in eine Ordensgemeinschaft einzutreten und damit der Knechtschaft einer patriarchalen Ehe zu entgehen. Die Schwester von Clara Fey wählte den ersten Weg. Clara selbst verspürte die Berufung, ihr Leben Gott zu weihen. Sie fand sich aber in den vorhandenen Orden nicht wieder und so reifte in ihr die Idee einer Neugründung. Sie tat das unter schwierigen politischen Bedingungen, denn im Obrigkeitsstaat von 1844 waren Neugründungen von Orden eigentlich verboten. Es herrschte Hunger und der Staat fürchtete überall revolutionäre Umtriebe und unterband auch religiöse Vergemeinschaftungen, soweit es ging. Aber das Elternhaus hatte gute Kontakte nach Berlin und in einer Allianz der Frauen hier wie dort wurde die Gründung der Kongregation möglich. Hilfreich war sicher die soziale Aufgabe, die Clara Fey in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten bewältigen wollte.

 

Worin lag die Motivation begründet, so etwas auf den Weg zu bringen?

Johannes Bündgens  Aachen war die erste Industriestadt Deutschlands, und die Folgen der rustikalen Industrialisierung waren dort ganz offensichtlich. Es entstand ein Proletariat, Menschen, die ihren Glauben nicht praktizierten, Kinder, die verwahrlosten. In der Kirche gab es erste, aufrichtige Versuche zu helfen, kleine Kreise, Experimente. Clara Fey gehörte in diese Zeit des Gründergeistes. Sie wollte Kindern eine bessere, umfassendere Hilfe angedeihen lassen, als sie in den staatlichen Verwahranstalten geleistet wurde. Die Menschen hatten ihren Glauben auf den Dörfern zurückgelassen, als sie in die Industriestadt zogen, ohne Kontakte, entwurzelt, verarmt, hungrig.

Henriette Mensen  Clara Fey hat versucht, so zu leben, wie sie den Auftrag Gottes für ihr Leben verstanden hat. Sie sah die Not, schaute genau hin und packte konkret zu. Sie erkannte in ihren Mitmenschen, besonders in den Kindern, Jesus selbst und setzte sich deshalb ganz für ihre Nächsten ein. Sie war beseelt von der Güte und Barmherzigkeit Gottes und alles, was sie wollte, sollte aus Liebe gelebt und getan sein – alles aus Liebe zu diesem Gott. Alles für Jesus, für Jesus allein.

 

Wie drückte sich diese Liebe konkret aus?

Henriette Mensen  Clara sorgte nicht nur für das körperliche Wohl ihrer Schützlinge, sondern war bestrebt, sie zu frohen, lebenstüchtigen, von Herzen gebildeten Menschen zu machen. In ihrer bescheidenen Art nannte Clara diesen Auftrag einfach so: „Die Kinder zu Jesus führen“. Sie verstand den Ruf ihrer Zeit, den oftmals heimatlosen Kindern Mutter und Erzieherin zu sein. Es ging ihr darum, dass sich die anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu verantwortungsbereiten, gemeinschaftsfähigen Menschen entwickelten. Sie ging dabei von der Würde des Menschen aus. Clara wollte die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg der Selbstfindung begleiten und ihnen helfen, das zu werden, was in ihnen als Ebenbild Gottes angelegt war.

 

Woher kam diese Sensibilität für die soziale Situation der damaligen Zeit?

Henriette Mensen  Clara Fey war sehr geprägt durch ihre Familie, besonders durch die Mutter. Frau Fey hat ihre Kinder gelehrt, mit den Armen auf vielfältige Weise zu teilen. So lud sie arme Kinder zum Spielen mit ihren Kindern ein. Kein Bedürftiger klopfte vergebens an die Tür des Hauses Fey. Achtung und Ehrfurcht galten auch den Menschen ihrer Umgebung. Dienstboten und Angestellte lebten mit in der Familie. Die Arbeiter in der Fabrik waren nicht nur Produzierende, sondern Mitmenschen. An ihrem Schicksal, an ihren Nöten und Sorgen nahm man Anteil und versuchte helfend beizustehen.

 

Clara Fey ist ihren Weg nicht alleine gegangen, sondern in Gemeinschaft. Wie trägt die Seligsprechung dem Rechnung?

Henriette Mensen  Der 5. Mai ist für uns ein Tag der Erinnerung und des Dankes an unsere Stifterin Clara Fey und an alle, die ihr tatkräftig zur Seite standen. Sie haben sich nicht zufrieden gegeben mit den Lebensumständen der damaligen Zeit, sondern mit Mut und Entschlossenheit versucht zu helfen. In diesem Geist mit uns Schwestern hier in Deutschland und international verbunden sind Freundeskreise, die sich dem geistlichen und diakonischen Vermächtnis von Clara Fey verpflichtet fühlen. Für sie alle ist die Seligsprechung Anerkennung und Würdigung sowie Verpflichtung und Motivation. Auf diese Weise kann Claras Charisma fortwirken in Gegenwart und Zukunft, kann Menschen ansprechen, begeistern und so Orientierung schenken.

 

Was bedeutet in Ihren Augen die Seligsprechung für die Kirche und die Christen im Bistum Aachen?

Henriette Mensen  In der Geschichte der Kirche waren es oft Frauen, die nachhaltig Neues bewegten. Clara Fey hat in ihrer Zeit auf sozialem Gebiet Großartiges für Aachen geleistet. Wir können von ihr lernen, genau hinzusehen auf die Nöte der Zeit, in der wir leben. Das kann in die Aachener Diözese hinein wirken. Durch die Seligsprechung wird die Person Clara Fey und auch ihr Wesen und Sein mehr bekannt und vielleicht wird ihre Botschaft immer mehr Menschen erreichen und ihnen Hilfe sein auf ihrem Weg zu Gott. Das Wesentliche in ihrer Spiritualität ist das „Eins sein mit und in Jesus“. Das hat Gültigkeit für alle Zeiten und für jeden Christen, der danach trachtet, das Evangelium in seinem Leben umzusetzen. Bischof Helmut Dieser hat Clara Fey sowie die Ordensgründerinnen Franziska Schervier und Pauline von Mallinckrodt zu Patroninnen des synodalen Prozesses ernannt. Auch das kann eine Chance sein, und die drei Seligen sind sicher Fürsprecherinnen bei Gott für den Prozess.

Johannes Bündgens  Clara Fey hatte Mut, etwas Neues anzufangen, außerhalb der bestehenden Strukturen. Mit Geschick und langem Atem hat sie wie andere Ordensgründerinnen neue Strukturen geschaffen, die krisenfest sind. Sie hat die Zeichen der Zeit gelesen, wo andere die Augen verschlossen haben. Aus all dem können wir für heute lernen. Der Aufbau der Gemeinschaft, die Ausweitung über Grenzen hinweg, hat Jahrzehnte beansprucht und trägt bis heute.

 

Welche Rolle spielte Clara Fey dabei?

Henriette Mensen  Sie war von Anfang an Mitte und die Führende der kleinen Gemeinschaft. Ihre Sorge galt nicht nur den Kindern, sondern auch den Schwestern. Ihre Rolle wird sichtbar in den vielen Konferenzen, Betrachtungen, den unzähligen Briefen an einzelne Schwestern und Gemeinschaften, ihre Fürsorge für kranke und ältere Schwestern, in vielen Reisen zu Niederlassungen und einigem mehr.

Johannes Bündgens  Das kirchliche Umfeld von Clara Fey in Aachen war von einer klerikalen Ständeordnung geprägt. Die Pfarrer waren starke Autoritäten. Clara Fey stand mit ihnen in engem Kontakt. Sie war im heutigen Sinne nicht feministisch, hat nicht für das Frauenpriestertum gekämpft. Aber sie hatte einen emanzipierten Weg eingeschlagen, arbeitete an der Lösung zeitgenössischer Probleme, während der Aachener Klerus weiter in seiner traditionellen Gedankenwelt lebte. Die Priester waren mit der Bewahrung des Bestehenden voll beschäftigt. Clara Fey wusste hingegen ihre familiären Verbindungen in die Bürgerschaft und zu Industriellen zu nutzen, um das Neue, den Orden und seine Antworten auf die Zeichen der Zeit, voranzubringen.

 

Wie ist es ihr gelungen, die Schwestern vom armen Kinde Jesus zu einer weit verzweigten Ordensgemeinschaft zu entwickeln?

Johannes Bündgens Clara Fey war keine geborene Führungspersönlichkeit, wie sie auch keine ausgebildete Erzieherin war. In beiden Punkten aber fand sie zu großer Stärke und Durchsetzungsfähigkeit. Geschickt baute sie die Gemeinschaft auf, nahm fähige und fleißige Frauen auf, welche die spirituellen und diakonischen Gründungsgedanken mittrugen und verstetigten. Dem kam zugute, was ich eben beschrieben habe: Orden waren damals für Frauen ein Weg, emanzipiert zu leben. Insofern war das für die Suche nach qualifiziertem, motiviertem Nachwuchs ein schier unerschöpfliches Reservoir. Unter dem Strich waren das bewegte Jahrzehnte. Im 19. Jahrhundert hielt die Industrialisierung vom Westen, von Aachen aus Einzug in Deutschland und mit ihr die sozialen Nöte, die damit verbunden waren. Die Schwestern folgten dem, gründeten neue Niederlassungen. Das fing beim Aachener Revier an, mit Kohle, Metall, Nadel, Textil, und reichte später bis ins Ruhrgebiet. Oft waren es Anforderungen von Bischöfen, die auf die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in ihren Bistümern reagierten und sagten: Schickt uns Schwestern.

 

Obwohl es öffentliche Aufgaben waren und sind, derer sich die Schwestern annahmen, sah das Verhältnis zum Staat häufig nicht geordnet und gesund aus.

Johannes Bündgens  Clara Fey war eine Frau ihrer Zeit. Sie erlebte unterschiedliche Formen der staatlichen Ordnung, von Napoleon bis zu Bismarck. Beharrlich setzte sie sich jeweils durch. Der Kulturkampf unter Bismarck allerdings war ein großer Schock. Über Nacht wurden die Schwestern ausgewiesen. Sie haben von den Niederlanden aus weitergemacht, mit Geschick lief vieles weiter. Das Kloster in Simpelveld wurde die große Zentrale, die Schwestern gingen in viele Länder, kümmerten sich dort ebenfalls um Kinder und Notleidende. Aber in Deutschland mussten ihre Schulen für ein paar Jahre schließen. Da waren die Preußen humorlos. Mit der Seligsprechung der Gründerin hat die Gemeinschaft endgültig wieder ihren Mittelpunkt in Aachen.

 

Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Johannes Bündgens  Der Gründergeist, der von der bald selig gesprochenen Clara Fey ausgeht, ist eine Provokation für die Kirche von heute. Dass wir nun einen festen Ort haben werden, an dem die Ordensstifterin begraben ist, gibt dem Gedenken einen würdigen Rahmen. Das Gebet am Grab der Gründerin kann uns eine Inspiration sein. Aus der Erfahrung der letzten Jahre wissen wir, dass Clara Fey Beter angezogen hat. Clara Feys Heiligkeit aus dem 19. Jahrhundert wird von der Weltkirche anerkannt. Das ist eine Würdigung des Laien-, des Frauen-, des Ordensapostolats, wie es sich als Antwort auf die Industrielle Revolution entwickelte. Wenn wir dieses Vorbild gut auf heutige Verhältnisse und Herausforderungen übersetzen, kann es uns Mut machen. Und zwar den Mut, unserem Weg der Berufung zu Gott zu folgen. Diese Botschaft verbindet sich für mich mit der Seligsprechung am 5. Mai.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.

Weihbischof Bündgens (c) Thomas Hohenschue
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