Sonderseite der Aachener Nachrichten Nr. 254 vom Samstag, 2. November 2002

Lernen hinter Klostermauern
Von Nachrichten-Mitarbeiterin Ingrid Leifgen
Wäre nicht das Hinweisschild neben der Eingangstür, man würde das "Berufskolleg des Bistums Aachen" von außen nicht einmal als Schule erkennen. Die Clara-Fey-Schule liegt eingebettet in den riesigen Klosterkomplex der Schwestern vom armen Kinde Jesu. Und hier, auf dem Michaelsberg in Aachen-Burtscheid, hat sie auch ihre Wurzeln. Als die Aachener Fabrikantentochter Clara Fey Mitte des 19. Jahrhunderts den Orden der Schwestern vom armen Kinde Jesu gründete, wolle sie vor allem verelendeten Fabrikarbeiterkindern helfen. Ihre Nachfolgerinnen eröffneten 1967 in der Niederlassung Aachen-Burtscheid die "Fachschule für Heimerzieherinnen". Fast 25 Jahre lang bereiteten sich hier junge Leute auf ihre Arbeit in Kinderheimen vor.
1991 dann übergaben die Schwestern ihre Schule an das Bistum Aachen. Die Leitung übernahm Dr. Rudolf Nottebaum. Er erweiterte das Ausbildungsangebot um den Bereich Elementarerziehung, so dass zwei Drittel der heutigen Clara-Fey-Absolventinnen und -Absolventen in Kindergärten und Kindertagesstätten arbeiten. Die Folge: Aus der ehemals einzügigen wurde eine dreizügige Schule. Mit zirka 250 Schülerinnen und Schülern, vier Lehrern und elf Lehrerinnen bleibt sie dennoch "ein überschaubares Haus", wie Rudolf Nottebaum es ausdrückt. Und eben das macht einen Teil ihrer Attraktivität aus.
Individuelle Betreuung
Der Schulleiter: "Durch die Überschaubarkeit entsteht schnell ein enges Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und jeder Einzelne wird individuell betreut."
Als private Schule entscheidet das bischöfliche Berufskolleg, wer einen der begehrten Ausbildungsplätze bekommt. So werden vorrangig Katholiken und Angehörige anderer christlicher Konfessionen aufgenommen. Aber auch Muslimen hat Nottebaum hin und wieder an seiner Schule akzeptiert. "Als Praktikantinnen sind sie in katholischen Kindergärten erwünscht, sollen aber nicht auf die Schule dürfen. Das ist ein Widerspruch", erklärt er. Eine junge Muslime, die eher die Gemeinsamkeiten der Religionen sieht, als deren Gegensätze, und sich bereit erklärt, am - verpflichtenden - Religionsunterricht sowie gelegentlichem Gottesdienst teilzunehmen, kann durchaus eine Chance bekommen. "Schließlich sind wir nicht dazu da, angehende Schwestern oder angehende Theologen zu erziehen", erklärt der Schulleiter. Ihm kommt es auch auf andere Qualitäten an. In einem Bewerbungsgespräch müssen Interessentinnen und Interessenten über sich selbst Auskunft geben. "Da wird erst mal geguckt, was das für eine Persönlichkeit ist", sagt Nottebaum. Denn an der liegt es letztlich, ob die jungen Leute ihrem verantwortungsvollen Job gewachsen sind. (lei)

Schwerpunktfächer : Erziehungswissenschaften und Didaktik
Fit für den Kindergarten mit Praktika, Projekten und Pädagogik
An der Bischöflichen Clara-Fey-Schule, wird wie an jeder anderen Schule, in Klassen unterrichtet. Wo dies möglich ist, arbeiten die Schülerinnen und Schüler Fächer übergreifend an Projekten. Schwerpunktfächer sind Erziehungswissenschaft und Didaktik/Methodik mit sozialpädagogischer Praxis. Besonderen Wert legt die Clara-Fey-Schule auf die Vor- und Nachbereitung der vorgeschriebenen Praktika. Dabei geht es darum, die zukünftigen Erzieherinnen und Erzieher zu unterstützen. Außerdem kann das Kollegium immer wieder überprüfen, ob der Unterrichtsstoff mit der gelebten Praxis in Kindergärten und Kindertagesstätten zusam-menpasst. Zurzeit werden in der Clara-
Fey-Schule folgende staatlich anerkannte Bildungsgänge angeboten:
* Die einjährige Berufsfachschule, Fachrichtung Sozial- und Gesundheitswesen. Sie bietet als Alternative zum Vorpraktikum einen Einblick für Unentschlossene und ist eine gute Voraussetzung für einen Einstieg in sozialpädagogische Berufbildungsgänge.
•* Die zweijährige Berufsfachschule, Fachrichtung Sozial- und Gesundheitswesen. Sie vermittelt Einblicke in verschiedene Berufe des Gesundheits- und Sozialwesens sowie die Fachhochschulreife.
+ Die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin, zum staatlich anerkannten Erzieher. Die Schülerinnen und Schüler können entweder den Schwerpunkt Elementarpädagogik (Kindergarten, Kindertagesstätten)
oder Jugend-, Freizeit- und Heimerziehung wählen. Der Bildungsgang dauert zwei Jahre plus einem Jahr Berufspraktikum.
Mindestvoraussetzung für eine Aufnahme an der Clara-Fey-Schule ist die Fachoberschulreife und ein einjähriges Vorpraktikum beziehungsweise der Besuch der einjährigen Berufsfachschule Sozialwesen. Über Ausnahmen entscheidet die Schule.

Durch Pisa sind auch Kindergärtnerinnen in die Kritik geraten - Clara-Fey-Schulleiter Rudolf Nottebaum träumt von euregionaler Zusammenarbeit
„Wir brauchen ein universitäres Niveau in der Ausbildung"
Im Nach-Pisa-Getümmel ist der Beruf der Erzieherin in die Kritik geraten. Anders als bisher sollen Kindergärtnerinnen die Entwicklung der Kleinen genauer beobachteten, die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus intensivieren und gezielter und qualifizierter fördern. In der Debatte darüber, wie diese Forderungen umgesetzt werden können, mischt die Clara-Fey-Schule kräftig mit.
So war denn die Fachtagung, die sie traditionell im Herbst ausrichtet, diesem Thema gewidmet. Unter dem Titel „Pisa und die Folgen für die Vorschulpädagogik" kamen namhafte Referenten zusammen, darunter Professor Wassilios Fthenakis, Leiter des Bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik. Präzise legte Fthenakis den Finger auf die Wunden des deutschen Bildungssystems. Die Elementarerziehung, stellte er fest, wird hier zu Lande katastrophal vernachlässigt, obwohl jeder wisse, dass die Weichen für eine erfolgreiche Bildung in der frühen Kindheit gestellt würden.
Kindergärten brauchten, wie Schulen, einen Rahmenplan, in dem QualitätsStandards verbindlich fest geschrieben würden, so die Forderung des Professors.
Für die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher hat das Konsequenzen. Fthenakis: „Wir brauchen ein universitäres Niveau für die Ausbildung." Eine Forderung, die Clara-Fey-Chef Rudolf Nottebaum ohne Wenn und Aber unterstreicht. Man könne nicht immer mehr Leistung von den Erzieherinnen verlangen, ohne sie besser zu schulen. „In maximal 58 Unterrichtswochen, die wir jetzt haben, können Erzieher nicht alles lernen, was von ihnen gefordert wird", sagt er. Im Übrigen ist Deutschland weit und breit das einzige Land, in dem Erziehung im Elementarbereich nur auf Fachschulniveau gelehrt wird. „Wenn man sich entschlösse, die Erzieher auf Hochschulebene auszubilden, könnte man hervorragend mit Eupen und Maastricht kooperieren", träumt Nottebaum von euregionaler Zusammenarbeit. Wenn es aber eines Tages tatsächlich so weit käme - stünde dann nicht die Existenz seiner eigenen Schule auf dem Spiel? Auf diese Frage reagiert der Schulleiter gelassen. Es wären viele Wege denkbar, sagt er, um ihre Anbindung an eine Hochschule zu gestalten. Dass Clara-Fey untergehen könnte, scheint er nicht zu befürchten. Da vertraut er anscheinend auf die Kompetenz seines Hauses. (lei)